Liebe Leser,
zunächst möchte ich mich für die Bilderarmut auf meinem Blog entschuldigen. Glaubts oder nicht, ich bin nicht in Besitz einer Digicam. Und mit dem Handy zu fotografieren ist mir zu blöd. Naja, vielleicht schenken mir meine Eltern ja eine Kamera zu Weihnachten. Bis dahin, strengt eure Phantasie ein wenig an.
Freitag Abend war schön. Abgesehen davon, dass die Eintracht in letzter Minute gegen...naja, egal...eigentlich war es recht schön. Vielen Dank an die "Familie".
Wenige Stunden später klingelte mein Wecker. Meine Eltern brachten mich um 3.30 Uhr nach Frankfurt- Hahn, was ich ihnen hoch anrechne. Der Ryanair- Flug kam nicht ganz an die Katastrophe von Málaga ran (Vito und Julian wissen, was gemeint ist), aber er flog auch erst 1 Stunde später los, welche ich- Gott sei dank!- verschlief. Die Landung hingegen spührte ich in Mark und Bein, als der Flieger irgendwie auf den letzten Metern krass an Höhe verlor, um mit den Rädern kurz aber heftig aufzusetzen, wieder ein paar Meter abzuheben und äußerst unsanft zu landen.
Um 10 Uhr morgens war ich dann eigentlich völlig kaputt, aber das erreichen dieser wahrlich prachtvollen Stadt inmitten saftig grüner Landschaft, die Erinnerung an meine Pilgerei mit Julian und die Erwartung des Unbekannten inklusive des "Völlig-auf-sich-alleine-gestellt-sein"- Gefühls (ich nenne es das "Rolling- Stone"- Gefühl, allerdings nicht das "Rolling Stones- Mick Jagger&Co.", sondern das "Bob Dylan- Like a rolling stone"- Gefühl) hielten mich wach. Es mag im übrigen sein, dass es in Santiago de Compostela mehr regnet als andernorts, jedoch empfing mich die Stadt mit echtem Kaiserwetter, tiefblauer Himmel, fast schon mediterrane Wärme, dazu ein leichter aber erfrischender Wind.
Im Vorhinein hatte ich abgeklärt, dass ich bei der Bekannten einer Freundin, Anne, wohnen durfte, bis ich eine feste Bleibe gefunden hatte- diese nette Geste ersparte mir viel Stress und vor allem viel Geld. Als ich ankam und erfrischend umstandslos empfangen wurde, legte ich mich erstmal für 2 Stunden zum Nickerchen hin. Ich war echt fertig und zufrieden.
Als ich erwachte, machte ich mich sofort auf in die Innenstadt. Ich kannte den Weg noch haargenau von der Pilgerreise und fand mich sofort zurecht. Unterwegs begeneten mir zig Pilger, die zwar glücklich aber zum Teil auch völlig, völlig fertig aussahen. Ich konnte mich sehr gut in diese Rolle hineinversetzen, trotzdem- oder vielleicht gerade deshalb- war es ein eher belustigender Anblick.
Als ich dann vor der Kathedrale stand, war der Anblick schier überwältigend. Nicht nur ob der anmutenden Austrahlung, die dieses Gotteshaus (eines der schönsten die ich jeh gesehen habe) zweifellos an sich hatte, sondern vor allem, weil ich mit Julian vor fast genau einem Jahr vollkommen freudetrunken und fertig mit der Welt nach 5 Wochen "einmal quer durch Spanien laufen" an genau dieser Stelle gestanden hatte. Nie hätte ich gedacht, dass ich heute an diesem Punkt stehen würde, um ein auslandsjahr zu beginnen. Ich konnte nicht anders, als meinen Companero anzurufen und ihm dieses Gefühl mitzuteilen.
Ebenso leicht wie zur Kathedrale fand ich auch zur Sportsbar, in der wir damals unsere Ankunft begossen hatten. Nach einem Willkommensbier registrierte ich, dass hier heute abend das Real Madrid- Spiel gezeigt werden würde. Perfekt! Da ich zu viel mehr nicht in der Lage war, war somit auch das Abendprogramm geplant.
Nachdem ich noch ein wenig in der Stadt herumgelaufen war, die Uni besichtigt hatte, die Altstadt erkundet hatte und in einem der zahlreichen Parks das Wetter und das Gefühl des Triumphes genossen hatte, kehrte ich in die besagte Bar zurück, um mich vom weißen Ballett verzaubern zu lassen. Die Madrilenen gewannen 2:1. Die Erkentnisse des Abends:
1.: das spanische Bier hält nicht solange, vor allem da die Gläser kleiner sind.
2.: Özil und Khedira waren echt schlecht.
3.: spanische Frauen gehen nicht wie in Deutschland nur ihres Freundes/Mannes halber zum Fußball- gucken in die Kneipe.
4.: Cristiano Ronaldo ist eine verweichlichte Muschi, die sich alle 7 Meter fallen lässt (eigentlich keine neue Erkenntnis, nur Wahrwerdung eines Vorurteils).
5.: wenn Real Meister wird, dann nur deshalb, weil sie den Bayern das Dusel- Gen geklaut haben.
Der Tag darauf begann für mich mit dem Gedanken daran, mich jetzt langsam mal nach einer Wohnung zu bemühen. Ich hatte lange geschlafen, um mich nun (gegen 11) gemütlich unter die warme Dusche zu bewegen. Darauf folgte ein entspannter Café in meinem neuen Lieblingslokal, um den Start in den Tag abzurunden. Ich glaube, so in etwa stellt sich ein CDU- Abgeordneter den Vormittag eines Asylanten vor.
Vor der Praxis (Wohnungssuche) folgte jetzt erstmal graue Theorie. Vokabeln aus Texten, die ich in der Uni in den vergangenen Semestern übersetzen sollte und nicht kannte, hatte ich mir in Deutschland schon auf Kartekarten aufgeschrieben und machte es mir zum Tagesziel, einen guten Stapel abzuarbeiten. Darunter waren Vokabeln wie "jemandem etwas zuteilen" oder "angleichen" usw. . Hättet ihr's gewusst?
Übers Netz hatte ich für heute schon zwei Wohnungen zur Besichtigung ins Visier genommen. Man muss dazu sagen, dass ich eigentlich viel zu spät dran war, um noch was ordentliches zu kriegen. Als ich die frohe Botschaft erhalten hatte, dass ich nach Santiago durfte, hatte ich schon den Urlaub mit Vito gebucht und während wir beidnen in Andalusien in Dekadenz schwälgten, machten sich die meisten anderen schon 2-3 Wochen früher auf, um sich die beste Bude zu sichern. An eine Wohnung in der Altstadt o.ä. war deshalb leider gar nicht mehr zu denken. Aber als das wichtigste erschienen mir sowieso meine zukünftigen Mitbewohner.
Kurz bevor ich mich zur Besichtigung aufmachte, war ich ziemlich angespannt. Ich machte mir nen ziemlichen Kopf um Details wie Kleidung, Geruch (hab mir extra nochmal die Zähne geputzt) oder mein Spanischvokabular, ich hatte mir sogar komplette Phrasen überlegt (völlig albern im Nachhinein). Es war irgendwie ein wenig wie bei einem ersten Date. Man will's halt nicht versauen.
Die erste Wohnung war, ums kurz zu machen, nix. Fieser Geruch, klitzekleines Zimmer und die Mitbewohner...naja... . Völlig desillusioniert setze ich mich in ein Café und verbrachte so die letzte halbe Stunde vor dem zweiten Termin. Der Typ von der ersten Wohnung hatte durchsickern lassen, dass sich noch 15 andere "beworben" hatten. Und das bei der Ranzkaschemme. Oh Gottohgottohgottohgott. Musste ich letztendlich doch die katholische Kirche bestechen, um ein Jahr Metallbettchen an Metallbettchen mit schnarchenden, stinkenden Pilgern schlafen zu dürfen?
Es kam anders. Die zweite Wohnung öffneten mir zwei strahlende Mädels mit einem langgezogenen "Hoolaaa!". Sie zeigten mir die Wohnung, erklärten mir alles geduldig und hörten sich ebenso bereitwillig mein Spanischgestammel an, um mir dann zu versichern wie super gut ich Castellano sprechen würde und wie beeidruckt sie wären. Das Zimmer war eigentlich ziemlich dunkel, außerdem recht klein, gelegen im dritten Stock eines kalten Hochhauses im Neubauviertel, Julian hätte sicherlich die Vollkrise bekommen. Und doch war da etwas, das mich von dieser Wohnung überzeugte, etwas warmes, das vor allem von den beiden Spanierinnen ausging und der Herzlichkeit, mir der sie mich empfangen und auch schon vorher ihre Wohnung und Zimmer eingerichtet hatten. Und nein, mit Brüsten hatte das alles wirklich gar nichts zu tun. Wirklich nicht.
Ich ging aus der Wohnung, den Wohnungs- und Haustürschlüssel in der Hand haltend. Im Backround meines Kopfes lief "We are the Champions" von Queen. Ich werde das kommende Jahr in einer Wohnung zusammen mit Maria, Marta und Rafaela verbringen. Ich war so gut drauf, dass ich beinahe die Treppe genommen hätte. Doch dann fiehl mir ein, dass ich mich in einem Hochhaus befand.
Den Rest des Tages verbrachte ich damit, durch Santiago zu schlendern und Neues und Altes zu entdecken. Für eine Weile setze ich mich auf eine Bank in einem Park und dachte angestrengt nach. Das Wichtigste war nun erledigt. Nun sinnierte ich darüber, was die nahe Zukunft mir bringen würde, wie dieses Jahr zu einem tollen Jahr, zu meinem Jahr werden könnte.