Mittwoch, 8. Dezember 2010

Wie lautet der Titel vom nächsten Kapitel?

Ich weiß es nicht. Es ist das eingetreten, von dem ich mir in den letzten Wochen nicht vorstellen konnte, dass es mal passieren würde. Und nun ist es eingetreten.
Der Alltag ist da. Mit seinen schweren, einschläfernden Schwingen der Montonie legt er sich über mein Studentenleben hier in Santiago und nimmt mir die Fähigkeit, Neues zu probieren, zu erleben oder zu spüren. Er regiert in den Straßen und Gassen dieser Stadt, genau wie der Regen, der nun seit Tagen vom Himmel fällt und bei dem es mir schwer fällt, daran zu glauben, dass er irgendwann einmal versiegt.
Meine lieben Freunde, ihr merkt, die Melancholie hat mich wieder. Aber wer mich kennt, ein wenig mehr vielleicht, weiß, dass dies ein Wesenszug ist -Fluch und Segen zugleich- den ich schon immer an mir hatte und der Teil meiner Persönlichkeit ist. Aber warum soll ich euch auch von Dingen berichten, die in dieser Weise nicht passiert sind? Ich denke, diejenigen, die unterhalten werden wollen haben schon vor Woche aufgehört, diese Seite aufzurufen. Und die anderen bekommen einen Auszug aus meinem Leben hier in Santiago de Compostela, das jetzt schon seit über 10 Wochen andauert.
Wenn ihr das gerade geschriebene lest, kommt ihr vielleicht auf die Idee, dass es mir nicht gut ginge. Das ist nicht richtig. Ich habe eine tolle Zeit mit tollen Leuten. Leute, mit denen ich jetzt im Paralleluniversum Erasmusjahr vieles intensiv erlebe, Dinge, die ich anders gar nicht in Erfahrung bringen könnte, außer hier an diesem Ort mit diesen Leuten. Das ist schön, doch umso schmerzlicher ist es, wenn man sich bewusst macht, das auch diese Zeit vergänglich ist. Ich weiß genau, dass ich nach diesem Jahr den Kontakt zu den Leuten, mit denen ich hier soviel teile, verlieren werde. So hart das ist, jetzt sind wir uns sehr wichtig, am Ende werden wir uns egal sein. Das hat nichts zu tun mit räumlicher Trennung. Es ist einfach eine Zeit, völlig surreal und vernab von jeglichem Streben nach dem Altbekannten in Deutschland. Eben ein Paralleluniversum, zu dessen Aufgabe wir bald alle gezwungen sein werden. Eben deshalb versuche ich die Zeit hier so intensiv wie möglich zu verbringen.
Es hat sich eine Monotonie entwickelt, angetrieben von den Normen, der Uni, aber vor allem anderen von unseren eigenen Wünschen und Sehnsüchten. Wir machen Woche für Woche das gleiche, weil es toll ist. Ich habe nicht das Gefühl, Zeit zu vergeuden oder etwas zu verpassen. Wir sorgen hier alle dafür, dass wir viel unternehmen und viel zusammen sind. Aber euch davon zu berichten wäre deshalb sinnlos und plumb, weil ihr es nicht nachvollziehen könnt, eben weil ihr nicht dabei seid. Es ist wie ein Wetterbericht für die kanarischen Inseln. Immer sonnig, immer warm, immer toll. Aber echt monoton. Habt ihr den Film L'Auberge Espagnole gesehen? Ein Kracher. Aber er handelt nur von ausgesuchten Sequenzen. Intensive Erlebnisse. Auch in Barcelona damals gab es einen Alltag, dem Xavier sich beugen musste. Und trotzdem hatte er so eine tolle Zeit, präsentiert in 90 Minuten Spielfilm. Ach, wie sehr ich ihn um seine süße (Ex-) Freundin, gespielt von Audrey Tautou beneide. Und um den Mut, den von seinem Vater arrangierten Job hinzuschmeißen und stattdessen Schriftsteller zu werden ("Je veux écrire des livres!").
Nein, das, was meine Melacholie aufleben lässt ist die Jahreszeit. Es weihnachtet sehr. Das Fest der Nächstenliebe rückt näher. Ich weiß, ihr haltet nicht viel von Jesus. Und viele von euch Freunden verachten Weihnachten als ein heuchlerisches Kommerzritual. Bei zweiterem bin ich mit euch d'accord. Alldings verbinde ich Vorweihnachtszeit immer mit geselligem Zusammensein mit Familie und Freuden. Ob mit meiner Fam am Frühstsückstisch, sonntags, wenn am Adventskranz wieder eine Kerze angezündet wird, in Aachen saufend an Janniks Glühweinstand, wenn er grad mal 5 freie Minuten hat, mit Julian am Wochenende im geschmückten Irish Pub oder sonst wo. Ich denke hier an alle von euch, mal mehr, mal weniger aber jeder einzelne ist immer gegenwärtig im Hinteren meiner Gedanken, um dann plötzlich und unangekündigt nach vorne zu stoplern und mein Gesicht mit einem breiten Grinsen zu überziehen, sodass Umstehende sich fragen, was es denn jetzt hier zu lachen gibt.
Und wenn man dann mal zwangsweise alleine ist mit seinen Gedanken und dann abschweift und sich fragt, was die zuhause wohl grade machen, vermisse ich euch und dann versinkt man schonmal in einem Meer ausMelancholie. Und am Ende ertappt man sich dabei, wie man bei Youtube nach deutscher Weihnachtsmusik sucht und sich bei Google Earth Bilder von Bonn (Oberkassel) und Aachen anschaut.
Freue mich daher schon auf Laura und Vito, die mich am Sonntag mit ihrem Besuch beehren werden. Auf alle anderen natürlich auch, bin ja fast 3 Wochen in Alemania, ich hoffe wirklich, dass ich euch alle zu Gesicht bekomme!