Sonntag, 3. Oktober 2010

"Du kannst nicht immer soviel saufen!"

Nun bin ich fast auf den Tag genau 2 Wochen hier in Santiago. Zeit für einen weiteren Eintrag im Live- Ticker meines Galicien- Aufenthaltes.
Gerade in diesem Moment lasse ich die hier vergangene Zeit revue passieren. Was ist hängen geblieben? Was war wichtig? Nun, zunächst einmal kann ich es kaum glauben, dass schon 2 Wochen vergangen sind, seit ich in diese Wohnung in der Rúa San Pedro de Mezonzo eigezogen bin. Und ich fühle mich wirklich wohl. Auch, wenn vor 20 Minuten die Waschmaschine ausgefallen ist, was zur Folge hatte, dass die gesamte Küche unter Wasser stand. Doch nach einem kurzen aber intensiven Wischmob- Blues meinerseit ist das Gröbste jetzt wieder bereinigt, besser als das, die Küche ist sauberer als zuvor. Allerdings ist meine Wäsche z.T. immernoch dreckig. Was tun?
Egal, das alles interessiert euch alle wahrscheinlich einen feuchten Dreck (haha!). Zu meiner allgemeinen Verfassung: Der Herbst hat Einzug gehalten in Galicien. Und der Herbst in und um Santiago de Compostela ist mit "feucht" noch wirklich wohlwollend umschrieben. Es schüttet wie aus Eimern! Hört mir bloß auf mit Aachen! Das ist ein Witz gegen die nordspanischen Naturgewalten! Hab in diesen 3 Tagen Arche- Noah- Gedenkniederschlägen schon meinen ersten Regenschirm verschlissen. Denn zu dem schier endlos wirkenden Regen gesellt sich auch noch ein Wind, der dermaßen an dem Wandelnden rüttelt, dass dieser das Gefühl hat, Wind und Wasser kämen von allen Seiten (ist vielleicht auch so!?). Der bloße Gang zum Bäcker schürt die Aggressionen. Den modernen Sisyphos würden die Götter definitiv in Santiago de Compostela das Licht der Welt erblicken lassen.
Da lobt man sich die Stunden, die man gemütlich in einer hell erleuchteten Bar bei einem kühlen Bier totschlagen kann. Fatal: direkt neben meiner Wohnung, zwischen der Apotheke und der Jamonería (ein Laden nur für Schinken, in dem die Keulen zu dutzenden von der Decke hängen und die Straße mit einem unwiderstehlichen Geruch schwängern) ist eine eben solche Bar. Zuweilen wird dort auch Fußball gezeigt...
Apropos: Alkohol. Ein schwieriges Thema. Was mir am meisten zusetzt ist nicht etwa der Rioja, der hier zu dutzenden für nen kleinen Euro in sämtlichen Supermercados steht und vorzüglich schmeckt, auch nicht der Brandy, der jeden gut sortierten Alimentación- Laden hier in der Zona Nueva ziert. Es ist die ewige, ewige, unumgängliche Feierwut der Spanier. Vielleicht dachtet ihr (ich dachte es jedenfalls), dass dieses Fiesta, Fiesta espanola!!!- Klischee in dieselbe Ecke gehört wie das der Argentinier, die alle den ganzen Tag Tango tanzen oder das der Bayern, die jeden Tag in Trachten rumlaufen (die Liste ist lang). Weit gefehlt! Was hier zelebriert wird, das übersteigt alles bisher dagewesen in meinem kurzen Leben. Alles. Von Mittwoch bis Samstag ist hier wirklich immer, immer was los. Und jeder geht weg. Und mit weggehen meine ich nicht das "Ja, lass uns mal am Mittwoch in die N8schicht/ ins Apollo gehen! Aber nicht zu lange, ich muss am Donnerstag echt noch was machen!", nein wenn hier weggegangen wird ("Vamos a salir!"), dann immer bis zum (manchmal im wahrsten Sinne des Wortes!) bitteren Ende. Vor 2-3 Uhr sind die Bars und Clubs in etwa so leer wie eine Vorlesung ohne Anwesenheitspflicht über das Bewässerungssystem des alten Ägyptens freitagmorgens um 8 Uhr. Dann gehts los (gespielt wird alles. Eigentlich ist die Musik der aus den deutschen Clubs sehr ähnlich.), es wird voller und voller bis so gegen 5, dann ist der Siedepunkt erreicht, vor 6 geht keiner, wer was auf sich hält beibt mindestens bis halb 8, der harte Kern bleibt bis 9 oder 10. Du kriechst völlig fertig mit der Welt durch die Straßen, willst nur noch ins Bett, am Horizont schiebt sich die Sonne unaufhaltbar gen Firmament und du kommst an einem Club vorbei, vor dem sich eine Schlang bis auf die Straße erstreckt, bestehend aus jungen Leuten, die alle blendend drauf sind und sich noch nicht mit dem Gedanken anfreunden wollen, den "Abend" mal langsam ausklingen zu lassen. Und das machen manche wirklich von Mittwoch bis Samstag. Aber, ich habe meiner Mutter ja versprochen, lebendig und gesund wiederzukommen, deswegen kann ich das meiner Leber, meinem Hirn und anderen lebenswichtigen Organen einfach nicht zumuten. Aber ganz wird sie sich nicht verhindern lassen, die wilde Feierei. Und das ist auch gut so...
Der Tag danach ist- natürlich!- immer total im Arsch. Heute ist so ein Tag. Viel geht nicht...war beim Bäcker und hab Vokabeln gelernt. Mein Wortschatz vergrößert sich von Tag zu Tag. Und ich bin Gott sei Dank gezwungen, jeden Tag auf spansich zu kommunizieren, weil ja mit Maria und Marta zusammenwohne. Die beiden nehmen mich übrigens toller Weise oft mit, hab schon viel erlebt, war mit ihnen und ihren Freunden letztes Wochenende in La Coruna. Ansonsten nehmen mich die beiden oft mit zum Feiern. Am Mittwoch war ich dann als einziger Junge mit 8 Spanierinnen zusammen im neuen Film mit Julian Roberts, "come, rechaza, ama" oder so ähnlich. Das war die absolute Endstufe. Aber noch lackiere ich mir nicht die Nägel. Apropos: lackierte Nägel. Mit etwas Glück habe ich bald vielleicht die Chance, Cristiano Ronaldo und seine Gurkentruppe aus der spanischen Hauptstadt live zu sehen, wenn sie im Dezember nach La Coruna kommen. Hab gestern beim Bier (Estrella Galicia, eigentlich ganz lecker, hat allerdings 5,5%, knallt tierisch. Macht aber keinen so dollen Kater wie z.B. San Miguel) Kontakte geknüpft zu Kontakten der deutschen Botschaft hier in Spanien.
Was bleibt? Morgen hab ich meinen ersten Unitag. Directamente Einstufungstest für den Sprachkurs. Fühl mich fitt. Vermisse allerdings ein wenig meine Freunde aus Deutschland. Julian hat mich heute um halb 12 geweckt, er saß mit Anna im Paulanerzelt auf den Wiesn. Das war nett...da wäre ich auch gern gewesen...naja, hier ists auch cool. Wirklich, ich fühle mich hier sehr wohl. Trotz Regen, Cristiano Ronaldo und kaputter Waschmaschinen. So jetzt gehts aber auf in die Sportsbar. Gleich spielt Real gegen La Coruna...

1 Kommentar:

  1. na endlich mal wieder ein kleiner bericht. jetzt versteh ich auch, warum du dieses hintergrundbild gewählt hast...
    schön, dass du langsam angekommen bist.
    hier ist alles gut und es wird langsam richtig herbst. heute morgen hatten die autos das erste mal noch licht brennen, als ich auf dem weg zur uni war, ab jetzt gehts wettertechnisch bergab.
    auf bald mein freund!
    Julian

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